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Achtsame Kommunikation, die dein Kind nicht überfordert

Wie begegnet man einem Wutausbruch seines Kindes positiv, achtsam und auf wertvolle Art und Weise für die Entwicklung des Kindes? Als Eltern eines gerade 4-Jährigen haben wir uns oft hinterfragt: was können wir anders machen? Wie vermeiden wir schlechte Stimmung, Bestrafungen und Machtspielchen ohne dabei ein Mindestmaß an notwendiger Erziehung aufzugeben?  

Erkenntnisse aus der Hirnforschung

Die erste Voraussetzung ist die Erkenntnis, dass Wutausbrüche, Trotzanfälle und sonstige herausfordernde Momente im Alltag mit Kindern entstehen, wenn die unterschiedlichen Areale des kindlichen Gehirns nicht zusammenarbeiten. Kinder bewegen sich in diesen Momenten zwischen zwei Extremen: völliges Chaos im Kopf oder lähmende Erstarrung. Das geschieht aus dem einfachen Grund, dass das menschliche Gehirn erst mit Mitte Zwanzig vollständig entwickelt ist.

Wenn man ein Verständnis für die Fähigkeiten und Grenzen eines kindlichen Gehirns entwickelt, hilft es, das Verhalten seines Kindes besser zu verstehen und effektiver mit solchen Situationen umzugehen, die Dramatik herauszunehmen und ins Positive zu wenden.  

Das Ziel besteht darin, die verschiedenen Areale des Gehirns, die jeweils ganz unterschiedliche Funktionen bedienen, zu integrieren und miteinander in Einklang zu bringen. Das erreichen wir, indem wir unserem Kind Erfahrungen ermöglichen. Erfahrungen formen unser Gehirn indem sie Hirnzellen aktivieren, die sich daraufhin neu vernetzen.

Hier teile ich einige konkrete Strategien mit dir, wie du in solchen Momenten mit deinem Kind achtsam umgehen und kommunizieren kannst:

Auf der emotionalen Welle surfen

Wenn ein Kind einen derartigen Ausbruch erlebt, ist die linke Hirnhälfte nicht aktiv. Sie ist für Logik, Klarheit und Ordnung zuständig, sie ist sozusagen der Hüter des Gesetzes. Die rechte Hirnhälfte dagegen ist die intuitive und emotionale, die in diesen Momenten das Ruder übernimmt.

Es ist also entscheidend herauszufinden, was das Bedürfnis hinter dem Verhalten ist, das dir entgegengebracht wird. Kinder wollen kooperieren. Sobald sie es nicht mehr tun, geschieht es, weil sie es nicht mehr können, die linke Hirnhälfte ist im offline-Modus. Werden die Bedürfnisse erfüllt, können sie verschwinden. Die Gefühlswelle muss also erst einmal durchlaufen, bevor ein Kind wieder offen für Lösungen sein kann.

Connect to redirect

Konkret bedeutet das, sich als Eltern auf die emotionale Welle des Kindes einzulassen und sie nicht abzulehnen oder zu unterdrücken. Nach der Methode „connect to redirect“ wird das Verhalten weder bestraft noch werden Forderungen gestellt, sondern das Bedürfnis wird auf empathische Weise ernst genommen und durch physische Gesten unterstützt und so für eine erste Entspannung der Situation gesorgt. Durch aufmerksames Zuhören und wertfreies Rückfragen sowie körperliche Zuwendung fühlt sich das Kind in seiner dramatischen Gefühlslage wahrgenommen. Eine solche Stressreaktion im Gehirn dauert ca. 11 Sekunden. Danach hört die Amygdala auf zu feuern, wenn sie nicht weiter angeheizt wird. Eine Emotionswelle kommt und geht im Durchschnitt innerhalb von ca. 90 Sekunden. Um die entstandenen Stresshormone abzubauen, braucht der Körper ca. 10 Minuten.

Betrachte dich selbst wie ein Rettungsschwimmer, der das Kind zuerst aus den Wellen rettet, bevor er am Ufer in aller Ruhe erklärt, dass es nicht alleine so weit rausschwimmen sollte. Sobald die Lage sich entspannt hat, ist das Kind auch wieder in der Lage, deine Ansprache an die linke Gehirnhälfte aufzunehmen.

Impulsiv oder kontrolliert?

Die Verbindung im Gehirn geschieht aber idealerweise nicht nur von links nach rechts (und umgekehrt), sondern auch von oben nach unten. Der untere Teil des Gehirns ist der „primitive“ im evolutionsbiologischen Sinn. Er ist für spontane Reaktionen, überlebensnotwendige Impulse und starke Emotionen zuständig. Hier wird sichergestellt, dass die Grundbedürfnisse gestillt werden. Der obere Teil des Gehirns hingegen ist der weiter entwickelte, der für komplexe Vorgänge wie denken, planen und vorstellen verantwortlich ist. Er reguliert die Emotionen und sorgt z.B. für Empathie und ein moralisches Verständnis. Das obere Gehirn kann die impulsiven Reaktionen des unteren Gehirnareals beruhigen, ist allerdings eben erst mit Mitte Zwanzig vollständig ausgeprägt!

Bei einem klassischen Wutanfall kleiner Kinder spielt die Amygdala des unteren Gehirns somit die (manchmal) unangefochtene Hauptrolle und versperrt den Zugang zu denjenigen Teilen des oberen Gehirns, die theoretisch bereits funktionsfähig wären. Das Kind ist aufgrund der Ausschüttung enormer Stresshormone schlichtweg nicht mehr in der Lage, diesen Teil des Gehirns zu nutzen. Jegliche darauf gerichtete Kommunikation also vollkommen sinnlos, weil die Informationen nicht aufgenommen werden können.

Das obere Gehirn ins Boot holen

Haben wir durch die erste Methode die erste Gefühlswelle durchsurft, können wir versuchen, das obere Gehirn wieder miteinzubeziehen („engage, don’t enrage“). Anstatt also das untere Gehirn und die Amygdala durch Androhung von Strafen oder Ultimaten weiter zu verärgern, können wir mit unseren Kindern üben, lösungsorientiert zu denken und so das obere Gehirn zu (re-)aktivieren und in der Entwicklung unterstützen. Haben wir herausgefunden, worüber sich unser Kind so sehr ärgert, können wir es unterstützen, einen Ausweg zu finden, indem wir es bitten:

  • Eine konkretere Beschreibung der Situation und seiner/ihrer Gefühle zu formulieren
  • Zu überlegen, welche Lösung für beide Seiten in Ordnung sein könnte
  • Einen Vorschlag zu machen
  • Zwischen mehreren Optionen, die wir als Eltern vorschlagen, eine Entscheidung für sich zu treffen

Dabei hängen die konkreten Schritte und Formulierungen natürlich sehr vom Alter des Kindes ab. In jedem Fall bestärkt diese Methode dein Kind aber darin, dass es Probleme lösen kann und selbstwirksam ist.

Realistische Erwartungen an dein Kind stellen

Hat man diesen Hintergrund einmal verstanden, ist jeder Trotzanfall nicht mehr nur eine Situation, die man irgendwie überstehen muss, sondern auch eine Gelegenheit für dich und dein Kind etwas zu lernen und die gegenseitige Bindung zu festigen. Der positive Umgang mit starken Emotionen hilft deinem Kind wichtige Fähigkeiten für die Zukunft zu entwickeln und seine Persönlichkeit zu stärken. Diese Form von konstruktivem Umgang mit Herausforderungen fördert die emotionale, intellektuelle und soziale Entwicklung deines Kindes.

Indem du angemessene, realistische Erwartungen an dein Kind richtest, schützt du auch dich selbst vor Frust und Wut und kannst dein Kind einigermaßen gelassen durch den Sturm begleiten. Denke dabei immer daran: es geht vorbei, in 10 Minuten sieht die Welt schon wieder ganz anders aus, wenn du es schaffst achtsam zu sein.  

Manchmal können Kinder alle Areale ihres Gehirns nutzen, manchmal nicht. Mit achtsamer Kommunikation helfen wir ihnen dabei, diese Integration immer wieder zu üben.

Dieser Beitrag ist im Rahmen der Themenwoche „Achtsamkeit im Alltag mit Kindern“ von der wunderbaren Jette von Menschlinge entstanden. Weitere spannende Impulse findest du unter ihrem Account und natürlich weiterhin hier bei den Personalistas!

2 Comments

  • Sebastian Handt

    Fantastischer Artikel!!! Ich bin sehr gespannt, wie gut ich das demnächst umsetzen kann!!!

    Die Surf- und Meer- Metaphern gefallen mir natürlich besonders 😉

    Viele Grüße

    Sebastian

    • Janina

      Lieber Sebastian, berichte mir gerne, wie es dir damit ergangen ist! Naja, wie sagt man so schön: everything is better at the beach 😉

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